Portrait

EIN PORTRAIT DER GEMEINDE

Auch eine Berggemeinde braucht zum Leben die Verbindung zur Welt", ist gleich im Vorwort des 1973 erschienenen Gurtnellen-Buches von Valentin Sicher zu lesen. Die Aussage klingt zwar schlicht und logisch, ist aber dennoch nicht einfach selbstverständlich. Denn auch heute ist es die gezielte Offenheit für neue Vernetzungsprojekte, die den Aufwärtstrend der Gemeinde Gurtnellen sichert.

Ein magisches Licht umwabert Gurtnellen und das gesamte obere Reusstal an diesem Oktobertag. Gleissende Föhnhelle wechselt mit schwarzen Schatten. Der nahe Bristenstock wirkt wie eine in der Luft schwebende Pyramide. Und vom Geissbergmassiv oberhalb Gurtnellen geht etwas geradezu Mystisches aus. Selbst der Weg hierhin war heute ungewöhnlich: Erst erscheint die Schnellroute A2 oder zumindest deren geschlossene Spur baustellenbedingt als Buckelpiste. Und dann kommt einem in der kurvigen Intschifluh doch tatsächlich eine ganze Kuhherde entgegen. Gurtnellen ist wahrhaftig überraschend: Hier treffen sich Naturparadiese wie etwa am Arnisee und Hightech wie etwa in den Produkten der global tätigen Schmelzmetall AG. Hier befindet sich der geografische Mittelpunkt des Kantons Uri. Hierhin schaute nach dem Felssturz auf die Autobahn im Mai 2006 die ganze Nation und hielt den Atem an, als später die noch drohenden Gesteinsmassen im Wilerwald erfolgreich gesprengt wurden. Nirgendwo sonst in Uri findet man im Jahresmittel mildere Klimabedingungen als hier, genauer in Gurtnellen-Dorf auf doch 1000 m ü. M. Zudem ist Gurtnellen, das Urner Wildrosenparadies, wortwörtlich (hingegen nicht im übertragenen Sinn) auf Rosen gebettet.

Gurtnellen Wyler

Hohe Lebensqualität

Gurtnellen, dessen Namen aus dem Romanischen Cort-in-ella für "kleiner Hof" entstanden ist, dürfte schon im 8. oder 9. Jahrhundert besiedelt gewesen sein. Bereits im 14. Jahrhundert zog sich der alte Gotthard-Säumerweg im oberen Urner Reusstal über Gurtneller Gebiet. Eigentliche Boomzeiten folgten in den Jahren 1819-1826 während des Baus der Gotthardstrasse und um 1882, als die Gotthard-Eisenbahnlinie mit dem Tunnel erbaut wurde. Gurtnellen-Dorf, Gurtnellen-Wiler, Intschi, Butzen, Männigen, Platti und Buchen heissen die Dorfteile, die zusammen die Gemeinde Gurtnellen bilden. Gemessen an ihrer Fläche von 83 km2 ist sie die viertgrösste im Kanton.

Die Einwohnerzahlen nach Jahren des Sinkens sind ebenso stabil wie jene der Geburten. In der Tat werden in Gurtnellen nicht nur die Beziehungen zu den alteingesessenen Familien und Bürgern gepflegt, sondern aktiv neue Einwohner gesucht. Mit dem Projekt CASAlibra des Regionalentwicklungsverbandes gelingt es, die optimale Erreichbarkeit der Urner Oberländer Gemeinde sowie deren günstige Wohnobjekte publik zu machen. Und dies ist nur eines der Projekte, in denen sich Gurtnellen erfolgreich vernetzt.

Auch im Schulwesen werden im Oberen Reusstal konsequent Synergien genutzt: Im August 2006 hat die Kreisschule Urner Oberland das zweite Betriebsjahr begonnen. Die Gemeinden Göschenen, Wassen und haben in diesem Gemeinschaftswerk

Primarschule bis zur Oberstufe ihre Kräfte gebündelt. Dies, nachdem die Oberstufe bereits seit 1972 im neuen Schulhaus Wilder zusammengezogen ist. Das Miteinander der Schülerinnen und Schüler wirken sich auf die Integration der verschiedenen Gemeindeteile positiv aus. So entstand etwa der neue Jugendraum in Gurtnellen-Wiler auf Initiative von Jugendlichen aus Intschi. Dass die Schule eine wesentliche Grösse im gesamten Gemeindeleben darstellt, drückt sich auch darin aus, dass das Gurtneller Wappen 1906 anlässlich des Schulhausbaus im Wiler geschaffen wurde.


Viel Energie für neue Projekte

"Gurtnellen macht mit seinem Wappen tagtäglich unbewusst - aber nicht ungern- Werbung für den ganzen Kanton. Es setzt nämlich ganz auf die Urner Farben Gelb und Schwarz", zeigt der Gemeindepräsident auf. Der fünfstrahlige Stern im oberen Wappenfeld weist auf die verschiedenen Dorfteile, das untere Feld mit seinem Mühlerad auf die Reuss und ihre Zuflüsse. Deren Wasserkraft wird hier intensiv genutzt: Die Pro-Kopf-Stromproduktion ist in Gurtnellen uri-weit am höchsten. Und neben drei bereits aktiven Wasserkraftwerken soll bald auch das Kleinkraftwerk Stäubenwald wieder in Betrieb genommen werden. Als Demonstrationskraftwerk der Elektrizitätskraftwerk Altdorf AG wird es sogar zu einem eigentlichen neuen Anziehungspunkt für Touristen, Schulen und weitere Interessierte werden.

Überhaupt, der Toursimus: Immerhin 3'600 Hotelübernachtungen zählt man in Gurtnellen, das Hotel-Restaurant "Gotthard" darf seit Jahren stolz sein auf 14 Gault-Millau-Punkte, und das Arni mit dem idyllischen See sowie einzigartiger Alpenblumenpracht zieht Wanderer, Biker und Erholungssuchende früher wie heute magisch an. Dennoch gründete man vor zwei Jahren die IG Gurtnellen-Tourismus aus der Erkenntnis, dass man allein nicht weiterkommt. Vielmehr müsste die Region oder sogar ganz Uri integral und professionell vermarktet werden, um auf einen wirklich grünen Zweig zu kommen. Neuartige Angebote tragen dann das Ihre zum Erfolg bei. So ist zum Jubiläum "125 Jahre Gotthardbahn" ein Bahnwanderweg von Göschenen bis Erstfeld mit speziellen Highlights bei jeder "Haltestelle" geplant. Auch Ferien beim Bio-Bauern sind im Gurtneller Tourismusangebot enthalten. Denn die hiesige

Landwirtschaft - mit 34 Bauernhöfen und Alpbetrieben auf Gorneren, Intschialp, Fellital, Leutschach mit knapp 300 Stück Alpvieh - hat viel zu bieten: Nicht zufällig ist Gurtnellen mit seinen reichhaltigen landschaftlichen Strukturelementen und einer hohen Artenvielfalt in einem landwirtschaftlichen Vernetzungsprojekt organisiert.

Gurtnellen Dorf

Auf Granit gebaut

Immer wieder steht die Berggemeinde Gurtnellen vor grossen Herausforderungen. Da st die angespannte finanzielle Lage. Da sind die wiederkehrend drohenden Naturgewalten, die zum Beispiel seit 50 (!) Jahren Lawinenverbauungen am Geissberg notwendig machen. Aber da ist andererseits das Mühlerad am Gurtneller Wappen, das auch als Zeichen für Energie, Ausdauer, Kraft und Beharrlichkeit gelesen werden kann. Ausserdem ist nicht nur der weitherum bekannte Gurtneller Granit hart, sondern - wenn nötig - ebenso die Köpfe der Einheimischen. Unter diesen Voraussetzungen und immer wider mit weltoffenen Ideen zu integrativen Projekten gelingt es auch in Zukunft, grosse und kleine Schritte gemeinsam in die richtige Richtung zu tun.


Portrait von Gurtnellen, Erschienen in der Ausgabe 5 von "IMAGE" (Urner Forum für Wirtschaft und Kultur. Herzlichen Dank an Baumann&Fryberg zur Freigabe dieses Artikels.